Ausbildungszeugnis: Formulierungen, Fallen und Optimierungstipps

Veröffentlicht am 31.01.2026 von Renate Wienkopp

Ein Ausbildungszeugnis ist weit mehr als ein Stück Papier, das den Abschluss deiner Ausbildung bestätigt. Es ist ein offizielles Dokument, das deine Leistungen, dein Verhalten und deine fachliche Entwicklung während der Ausbildungszeit zusammenfasst. Für viele Arbeitgeber ist es ein entscheidendes Auswahlkriterium bei Bewerbungen, da es einen kompakten Einblick in deine Arbeitsweise und Kompetenzen bietet.

Gerade in einem Arbeitsmarkt, der zunehmend kompetenzbasiert und dynamisch ist, kann ein gut gestaltetes Ausbildungszeugnis Türen öffnen – sei es für die Übernahme ins Unternehmen, für ein Praktikum, eine weiterführende Ausbildung oder den Einstieg in die freie Wirtschaft. Gleichzeitig kann ein missverständliches oder unvollständig formuliertes Zeugnis deine Chancen mindern. Deshalb lohnt es sich, genau hinzuschauen und zu verstehen, welche Inhalte in ein Ausbildungszeugnis gehören, welche Formulierungen welche Bewertungen transportieren und welche Trends und Strategien es heute in der Erstellung von Zeugnissen gibt.

 

Rechtliche Grundlagen

Anspruch nach dem Berufsbildungsgesetz

Nach § 16 des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) hast du als Auszubildender Anspruch auf ein schriftliches Ausbildungszeugnis. Dein Arbeitgeber ist verpflichtet, dieses bei Beendigung der Ausbildung auszustellen. Der Anspruch besteht unabhängig davon, ob du deine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen hast oder ob das Arbeitsverhältnis beendet wird.

Arten von Ausbildungszeugnissen

Einfaches Zeugnis:

Enthält die formale Bestätigung deiner Ausbildungszeit, des Ausbildungsberufes, der Ausbildungsdauer und des Ausbildungsbetriebes.
Eignet sich, wenn du lediglich die Ausbildung nachweisen musst, z. B. für behördliche Zwecke oder Nachweise bei Weiterbildungen.

Qualifiziertes Zeugnis:

Zusätzlich zur formalen Bestätigung enthält es eine Bewertung deiner fachlichen Leistungen und deines Sozialverhaltens.
Besonders relevant für Bewerbungen, da es potenziellen Arbeitgebern ein differenziertes Bild deiner Fähigkeiten gibt.

Wohlwollende Formulierung

Ein Ausbildungszeugnis muss wahr und wohlwollend formuliert sein. Das bedeutet: Dein Arbeitgeber darf keine unwahren Aussagen treffen, sollte aber auch darauf achten, dass die Formulierungen deine berufliche Zukunft nicht unnötig erschweren. Wohlwollende Formulierungen sind gesetzlich vorgeschrieben, um dir die Weiterbeschäftigung oder Bewerbung in anderen Unternehmen zu ermöglichen.

Aufbau eines Ausbildungszeugnisses

Ein vollständiges Ausbildungszeugnis folgt einem klar strukturierten Aufbau, der es dem Leser ermöglicht, deine Leistungen schnell und transparent einzuschätzen.

Überschrift:
„Ausbildungszeugnis für [Name]“ signalisiert sofort, dass es sich um ein offizielles Dokument handelt.

Einleitung:
Angaben zu deiner Person, Beginn und Ende der Ausbildung, Ausbildungsbetrieb, Ausbildungsberuf und ggf. besonderen Rahmenbedingungen.
Beispiel: „Frau Maria Mustermann, geboren am 01.01.20xx, absolvierte in unserem Unternehmen vom 01.08.20xx bis zum 31.07.20xx die Ausbildung zur Industriekauffrau.“

Ausbildungsinhalte:
Beschreibung der Tätigkeiten, Abteilungen und erlernten Kompetenzen.
Beispiel: „Frau Mustermann durchlief während ihrer Ausbildung die Abteilungen Einkauf, Vertrieb und Personalwesen. Dabei erwarb sie fundierte Kenntnisse in der Materialwirtschaft, Kundenkommunikation und administrativen Aufgaben.“

Leistungsbeurteilung:
Bewertung der fachlichen Kompetenzen, Arbeitsergebnisse, Eigeninitiative und Qualität der Arbeit. Hier spielt die sprachliche Feinabstufung eine entscheidende Rolle.

Sozialverhalten:
Bewertung des Umgangs mit Vorgesetzten, Kollegen, Kunden und ggf. externen Partnern im Hinblick auf Teamfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit und Konfliktfähigkeit.

Schlussformel:
Dank für die Mitarbeit, Bedauern über das Ausscheiden und Wünsche für die berufliche Zukunft.
Beispiel: „Wir danken Frau Mustermann für ihre engagierte Mitarbeit und wünschen ihr für ihre berufliche und private Zukunft weiterhin viel Erfolg.“

Ort, Datum, Unterschrift:
Offizielle Bestätigung des Zeugnisses. Eine qualifizierte Unterschrift der zuständigen Ausbildungsleitung oder Geschäftsführung ist erforderlich.

 

Die Bedeutung der Formulierungen

Die Sprache im Ausbildungszeugnis ist von hoher strategischer Bedeutung. Oft werden scheinbar positive Aussagen genutzt, um Bewertungen zu verschlüsseln. Arbeitgeber bedienen sich hierbei einer Art „Zeugnissprache“, die subtil Nuancen transportiert.

  • „Er/Sie zeigte Engagement“ → häufig nur eine durchschnittliche Leistung.
  • „Er/Sie erfüllte die Aufgaben zu unserer vollen Zufriedenheit“ → entspricht der Note „gut“.
  • „Er/Sie erfüllte die Aufgaben stets zu unserer vollsten Zufriedenheit“ → entspricht der Note „sehr gut“.
  • „Er/Sie bemühte sich, die Aufgaben zu erfüllen“ → eher „befriedigend“ oder „ausreichend“.

Praxis-Tipp: Lies dein Zeugnis aufmerksam und achte auf diese Formulierungen. Sie beeinflussen die Wahrnehmung durch zukünftige Arbeitgeber erheblich.

 

Häufige Fehler und Fallstricke

Unklare Formulierungen: Manche Zeugnisse enthalten vage oder widersprüchliche Aussagen, die zu Missverständnissen führen können. Ein Satz wie „Die Aufgaben wurden erledigt“ sagt wenig über die Qualität deiner Arbeit aus.

Fehlende Details: Ein Zeugnis ohne konkrete Beispiele deiner Leistungen, Projekte oder Verantwortungsbereiche wirkt oberflächlich. Konkrete Beispiele steigern die Aussagekraft.

Negative Andeutungen: Subtile Negativformulierungen können sich langfristig auf deine Karriere auswirken. Typische Formulierungen wie „bemühte sich stets“ oder „war bemüht“ deuten oft auf eine unterdurchschnittliche Leistung hin.

Strategie zur Vermeidung: Lies dein Zeugnis vor der Unterzeichnung genau durch, bitte ggf. um Anpassungen und nutze Beispiele, um Leistungen klar zu belegen.

Zwischenzeugnis: Wann es Sinn macht

Bei internen Abteilungswechseln: Es dokumentiert deine bisherige Leistung vor dem neuen Aufgabenbereich.

Bei Unzufriedenheit: Es kann genutzt werden, um Missverständnisse zu klären oder bevorstehende Veränderungen festzuhalten.

Für Bewerbungen während der Ausbildung: Es zeigt, dass du aktiv und engagiert bist.

Ein Zwischenzeugnis ist eine gute Möglichkeit, deine Leistungen und Entwicklungen während der Ausbildung zu dokumentieren. Zwischenzeugnisse haben denselben rechtlichen Anspruch wie Abschlusszeugnisse, können aber nur den Zeitraum bis zur Ausstellung abdecken.

 

Trends im Ausbildungszeugnis

Digitalisierung: Immer mehr Unternehmen stellen Zeugnisse digital aus. Das hat Vorteile: schnelleres Versenden, einfache Archivierung und leichtere Integration in Bewerbungsportale.

Automatisierte Bewertung: In einigen großen Unternehmen werden Zeugnisse teilweise automatisiert erstellt. KI-gestützte Systeme können Standardformulierungen generieren, was die Effizienz steigert, aber mitunter die Individualität reduziert.

Neue Bewertungskriterien: Neben fachlichen Kompetenzen rücken Soft Skills und digitale Fähigkeiten zunehmend in den Vordergrund. Teamfähigkeit, Kommunikation und digitale Kompetenz werden häufig explizit bewertet.

 

Strategien für ein optimales Zeugnis

Frühzeitig Feedback einholen: Sprich während der Ausbildung regelmäßig mit deiner Ausbildungsleitung über deine Leistungen.

Eigene Leistungen dokumentieren: Halte Projekte, Erfolge und Verantwortlichkeiten schriftlich fest.

Wohlwollende, klare Formulierungen anstreben: Fordere Anpassungen, wenn Formulierungen unklar oder negativ interpretiert werden könnten.

Rechtsanspruch kennen: Du hast Anspruch auf ein qualifiziertes Zeugnis und kannst dessen Ausstellung einfordern.

 

Praxisbeispiele

Projektbasiertes Zeugnis: 
„Frau Mustermann leitete erfolgreich ein Projekt zur Optimierung der Materialwirtschaft, reduzierte die Fehlerquote um 15 % und koordinierte das Team effizient.“

Soft-Skill-betont: 
„Herr Mustermann überzeugte durch sein stets freundliches und kollegiales Verhalten. Er war ein geschätzter Ansprechpartner für Kunden und Kollegen.“

Digital-Orientierung: 
„Frau Mustermann zeigte fundierte Kenntnisse im Umgang mit digitalen Tools und integrierte neue Softwarelösungen erfolgreich in den Arbeitsalltag.“

Diese Beispiele zeigen, wie unterschiedliche Aspekte der Leistung hervorgehoben werden können, um ein möglichst vollständiges Bild zu vermitteln.

 

Empfehlungen

Das Ausbildungszeugnis ist ein entscheidender Baustein für deinen Berufseinstieg. Ein wohlwollend formuliertes, vollständiges Zeugnis verschafft dir Vorteile bei Bewerbungen, hilft, deine Stärken sichtbar zu machen, und dokumentiert deine fachliche wie soziale Entwicklung. Achte auf klare, wohlwollende Formulierungen, dokumentiere deine Leistungen, nutze Trends wie digitale Zeugnisse und Soft-Skill-Bewertungen und gehe aktiv auf deine Ausbildungsleitung zu, um ein optimales Zeugnis zu erhalten, denn: Ein gutes Zeugnis ist mehr als ein Nachweis der Ausbildung.